Lesung mit Wolfgang Martin Roth “Die Schuhe der Väter”

in welcher er unter anderem die „kunstvolle Verschachtelung der Zeitebenen“ hervorhob. Markels einleitende Zusammenfassung: „‘Mein Vater war Siebenbürger‘“,  heißt Roths erstes Hörspiel (ORF 2007); in dem zur Erörterung stehenden Roman wiederholt Bodo diesen Satz mit der Fortsetzung ‚und ich sollte auch einer werden‘“. Damit verband Markel den persönlichen Strang des Romans mit jenem zur allgemeineren, der siebenbürgischen Geschichte.

Der Titel lässt auf ein nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Literatur oft behandeltes Thema dieses Romans schließen, den Generationenkonflikt. Dieser bildet tatsächlich einen roten Faden des spannend geschriebenen und eloquent vorgetragenen literarischen Werkes mit unverhohlenen autobiografischen Bezügen. Der siebenbürgische Bezug, der offensichtlich die Vater-Sohn-Beziehung mit geprägt hat, dürfte wohl viele der zahlreichen Besucherinnen und Besucher der Lesung ins Nürnberger Haus der Heimat gelockt haben. Denn der Vater des Autors, ein hochgeschätzter Kirchenhistoriker, stammt aus dem siebenbürgischen Nadesch, und diese Verbindung hat den in Göttingen geborenen Wolfgang Martin Roth ebenso belastet wie fasziniert. Die „psychologische Fährte“ dieses facettenreichen Romans hat Ingeborg Szöllösi in einer Rezension in dieser Zeitung bereits aufgenommen (SbZ vom 8. Mai 2023, S. 8).

Die ausgewählten Fragmente seines Romans trug Wolfgang Martin Roth mit der ihm eigenen, lebhaften Eloquenz vor, fesselte und faszinierte das Publikum, das an einigen Stellen lachte, an anderen gebannt, zuweilen leicht irritiert zuhörte. Etwa, wenn von der speziellen „siebenbürgische Härte“ die Rede war, erwachsen aus einem „wahnsinnigen Behauptungsdruck als Deutsche“ als Minderheit und angesichts der Bedrohungen durch die Osmanen.

Bodo lernte das Lied „Siwe Kruëden“ singen und die siebenbürgisch-sächsische Mundart sprechen, in der Hoffnung, „etwas Neues“ in der Beziehung zum Vater anzubahnen, wurde aber enttäuscht. Der oft Geprügelte wurde zusätzlich durch die traumatische Erfahrung des Vierjährigen belastet, einsam und allein in einen Schornstein steigen zu müssen. Keineswegs zufällig suchte er deshalb später nach NS-Verstrickungen des Übervaters, konnte jedoch keine finden. Das Buch habe „ein Stück Leidensgeschichte der Geschwister geschaffen“ und sie einander näher gebracht, bekannte Roth in der Diskussion, denn „Nie will ich vergessen, was ich endlich erinnern kann.“

Die lebhafte Diskussion moderierte Michael Markel souverän. Er leitete sie mit einigen bohrenden Nachfragen ein, die wie eine Radiografie des Romans und seines Autors wirkten, und Roth zu Ausrufen motivierten, etwa „Was Sie da alles herausgefunden haben, woran ich beim Schreiben gar nicht gedacht habe!“ Er betonte, bewusst keine „Opferpose“ eingenommen, Schwarz-Weiß-Bilder vermieden und auch die guten Seiten des Vaters gewürdigt zu haben: Aus seiner Auseinandersetzung scheine stets auch die ausgeprägte Vaterliebe durch.

Ein anwesender Historiker hob die Verdienste des Vaters Erich Roth um die siebenbürgische Kirchengeschichte und um die sächsische Gemeinschaft hervor, die sich, plötzlich heimatlos, im Nachkriegsdeutschland wiederfand und zurechtfinden musste. Das bereits 1947 gegründete Hilfskomitee, dem der Theologe zeitweise vorstand, bot dabei eine geistliche und ideelle Unterstützung. Erich Roth habe auch überzeugend nachgewiesen, dass Honterus bei der Abfassung seines Reformationsbüchleins auf eine Nürnberger Ratsschrift von 1524 zurückgegriffen habe.

Hitzig ging es zu, als die Behauptung, den Siebenbürger Sachsen sei eine spezielle Härte eigen, entschieden zurückgewiesen wurde. Roth räumte ein, elterliche Gewalt sei zu jener Zeit auch in Deutschland allgemein üblich gewesen, nicht allein bei den Siebenbürgern: „Ich nehme alles zurück!“ Über eigene Erfahrungen in ihrem Familienkreis berichteten einige Teilnehmer zu Themen wie „Siebenbürger Sachsen in der Waffen-SS“, „Deportation in die Sowjetunion“ oder „Enteignung“.

Nach mehr als zwei Stunden wurde die Veranstaltung beendet, die alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer tief berührt hat. Persönlich haben mich zwei Zitate aus dem Roman nachdenklich gestimmt. An dessen Anfang steht der Satz „Es ist vorbei“, an seinem Ende „Meng Siweberjer Blat äs ze Wasser worden“. Eine Finis-Saxoniae-Stimmung kann hineininterpretiert werden.

Konrad Gündisch

Bilder: Annette Folkendt, Haus der Heimat e.V.


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