Was bedeutet es, deutsch zu sein? Und warum werden Russlanddeutsche bis heute häufig mit Vorurteilen konfrontiert? Diesen und weiteren Fragen widmete sich die Lesung mit der Journalistin und Autorin Ira Peter am 15. Oktober 2026 im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg. Eingeladen hatte das Haus der Heimat in Kooperation mit der Akademie CPH. Moderiert wurde der Abend von der Journalistin Ella Schindler.
Nach der Begrüßung durch das CPH und Natalie Keller, Geschäftsführerin des Hauses der Heimat, nahm Ira Peter das Publikum mit auf eine Reise durch die Geschichte der Russlanddeutschen. Im Gespräch mit Ella Schindler und anhand ausgewählter Textstellen aus ihrem Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ berichtete sie von ihrer eigenen Familiengeschichte und den Erfahrungen mehrerer Generationen.
Besonders bewegend waren die Schilderungen über die Deportationen unter Stalin, Zwangsarbeit und Verfolgung. Anhand alter Familienfotografien verdeutlichte Peter, wie sehr diese Erfahrungen bis heute nachwirken. Dabei sprach sie nicht nur über weitergegebene Traumata, sondern auch über die Widerstandskraft ihrer Vorfahren.
Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Auswanderung nach Deutschland Anfang der 1990er-Jahre. Peter und Schindler, die beide 1992 nach Deutschland kamen, teilten persönliche Erinnerungen an ihre ersten Eindrücke. Neben humorvollen Anekdoten über unbekannte Lebensmittel und neue Alltagserfahrungen ging es auch um die Schwierigkeiten des Ankommens. Insbesondere die fehlende Anerkennung beruflicher Abschlüsse und gesellschaftliche Vorurteile stellten viele Familien vor große Herausforderungen.
Auch die politische Wahrnehmung von Russlanddeutschen wurde thematisiert. Peter kritisierte die häufig pauschale Verbindung der Bevölkerungsgruppe mit der AfD oder dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Sie betonte, wie wichtig es sei, die unterschiedlichen Lebensgeschichten, Erfahrungen und politischen Einstellungen sichtbar zu machen, anstatt eine ganze Bevölkerungsgruppe auf einzelne Zuschreibungen zu reduzieren.
In der abschließenden Fragerunde nutzte das Publikum die Gelegenheit, Fragen zu Religion, Integration, Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Teilhabe zu stellen. Besonders die Frage nach deutscher Identität und Zugehörigkeit verdeutlichte noch einmal das zentrale Thema des Abends: Wer entscheidet eigentlich darüber, wann jemand „deutsch genug“ ist? Ira Peter machte dabei deutlich, dass sie ihre unterschiedliche kulturelle Prägung als Bereicherung empfindet:
„Ich habe einfach eine andere Geschichte als jemand, der, seit mehreren Generationen in Deutschland lebt.“
Der Abend bot persönliche Einblicke, historische Hintergründe und zahlreiche Denkanstöße. Er machte deutlich, wie wichtig es ist, unterschiedliche Lebensgeschichten anzuerkennen und miteinander ins Gespräch zu kommen.