25.07.2003:

Reise in die Vergangenheit

Am 25. Juli 2003 machte sich eine 44köpfige Reisegruppe auf den Weg in die Heimat ihrer Vorfahren, die vor genau 200 Jahren der Not in Deutschland entflohen und in den weiten Steppen Russlands eine neue Heimat suchten und fanden.

Veranstalter dieser Reise, die unter dem Motto: „200 Jahre Auswanderung der Deutschen an das Schwarze Meer“ stand, war der Historische Forschungsverein der Deutschen aus Russland e. V.. Die Reisegesellschaft war bunt gemischt. Donauschwaben, vertreten durch Banater Schwaben, Sudetendeutsche, Oberschlesier und Siebenbürger Sachsen nahmen daran teil. Das Hauptkontingent stellten die Russlanddeutschen mit 18 Personen. Auch einige „Reichsdeutsche“ waren mitgekommen, wie man zu damaligen Zeiten die Einwohner Deutschlands aus der Sicht der Kolonisten bezeichnet hatte.

Erste Etappe war Speyer mit Stadtrundgang und Besichtigung des romanischen Kaiserdoms mit Führung. Was wir nicht wussten und hier mit Staunen vernahmen, Vertreibungen gab es in der Geschichte schon immer, hier wurde uns ein besonderes Beispiel vor Augen geführt. 1689, im Pfälzischen Erbfolgekrieg, wüteten die Franzosen vorwiegend in Baden und der Pfalz, brandschatzten über tausend Städte und Dörfer. Die Bevölkerung musste innerhalb kurzer Zeit ihre Häuser und die Städte und Dörfer verlassen, die anschließend durch Feuer zerstört wurden. So auch Speyer, das völlig sinnlos einschließlich Kaiserdom dem Erdboden gleichgemacht wurde. Wie glücklich können wir uns heute schätzen, in einem geeinten Europa in gutnachbarlicher Freundschaft mit Frankreich leben zu dürfen.

Die Weiterfahrt führte uns, unterbrochen durch ein ausgiebiges Picknick, zum Hambacher Schloss, der „Wiege der deutschen Demokratie“, wo uns bereits ein Mann erwartete, der uns während einer einstündigen Führung durch das Schloss mit anschließender Turmbesteigung mit einer lobenswerten Hingabe die geschichtlichen Zusammenhänge erklärte, die zu einer friedlichen, aber erfolglosen Revolution (1848) und letztendlich doch 1871 zur Reichsgründung führten. Hier hatten sich im Jahre 1832 20.000 – 30.000 Menschen zu einer Kundgebung versammelt, um mehr Freiheit und Rechte für das Volk, Einschränkung der Macht der Fürsten und einen Einheitsstaat Deutschland zu fordern, um so die Zerrissenheit in unzählige Fürstentümer zu beenden.

Landau, Edesheim, Essingen, Offenbach, Hayna, Herxheim, Kandel in der Pfalz und in Baden Durmersheim und Bietigheim wurden anschließend stellvertretend für viele andere Orte besucht, aus denen viele Familien in den Jahren 1803 bis 1817 nach Russland ausgewandert sind. Eine wehmütige Stimmung machte sich breit, und manch einer im Bus wäre gerne ausgestiegen, um sich den Ort seiner Vorfahren genauer anzuschauen. Doch die Zeit reichte dafür nicht aus, aber einige bekundeten ihren Entschluss, später mal wieder hierher zu kommen.

In einem netten Hotel bei Bühl, bekannt durch seine Zwetschgen, klang der erste Tag aus mit gemütlichem Zusammensein mit nur einem Thema: Geschichte und Selbsterlebtes.

Der zweite Tag der Reise begann mit einem Besuch der schönen Stadt Straßburg und einer interessanten Bootsfahrt auf der Ill durch die Stadt bis zum imposanten Neubau des Europaparlamentes. Das weltberühmte Münster mit seiner Silbermannorgel und der Astronomischen Uhr waren für uns natürlich ein Muss wie für jeden Straßburgbesucher.

Aus dem Unterelsass, unserem nächsten Reiseziel, waren damals besonders viele Menschen nach Russland ausgewandert. Hier führte uns unser umsichtiger Fahrer kreuz und quer durch viele schmucke Dörfer, von denen allen Teilnehmern besonders Seebach mit seinen Hunderten von landestypischen Fachwerkhäusern in bleibender Erinnerung sein wird. Überhaupt zeugen alle von uns besuchten Städtchen und Dörfer von einer Wohlhabenheit und Modernität, was die Suche nach der Vergangenheit nicht leicht macht. Davon konnten wir uns in Seltz (dt. Selz), einem Städtchen, aus dem ebenfalls eine große Zahl Auswanderer herstammen und nach dem Selz im Kutschurgan – Gebiet benannt wurde, überzeugen. Ein gepflegtes Städtchen, in dem wir nach einigem Suchen ein paar ältere Bauernhäuser fanden, die trotz angenehmer Restaurierung uns in unserer Phantasie 200 Jahre zurückversetzen ließen. Interessant in diesem Städtchen ist ein Denkmal, das an die Heilige Adelheid erinnert, die hier ein Zisterzienserkloster gegründet hatte und hier auch im Jahre 999 gestorben und beerdigt worden ist. Sie war die Gemahlin von Kaiser Otto I. und somit Kaiserin des Römisch-Deutschen Reiches und regierte vier Jahre lang nach Ottos Tod als Regentin für ihren Enkel Otto III. das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation.“

In Sesenheim erwartete uns ein weiterer Programmpunkt, der mit Auswanderung nichts zu tun hatte, aber allgemein begrüßt wurde. Hier gibt es ein kleines, liebevoll eingerichtetes Museum zum Gedenken an den Aufenthalt von Goethe in diesem Ort während seiner Studienzeit in Straßburg. Hier hatte er die bekannte Liebschaft mit Friederike Brion, die er in „Dichtung und Wahrheit“ beschrieb und die somit in die Weltliteratur einging.

Mit einem Abstecher zum Deutschen Weintor an der Grenze zur Pfalz endete der zweite Tag dieses interessanten Ausfluges.

Der Rückreisetag führte uns über Baden-Baden, wo wir nach einem Stadtrundgang das Vergnügen hatten, eine Führung durch das dortige Spielcasino mitzumachen (zu der Zeit, als unsere Auswanderer das Land wegen Notzeiten verlassen mussten, war Baden-Baden ein weltbekannter Kurort, in dem russische Großfürsten, angeführt von Zar Alexander I., der mit einer badischen Prinzessin verheiratet war, zur Kur weilten, auch Dostojewski lebte hier).

Quer durch den Schwarzwald, vorbei am Kloster Hirsau, das zur gleichen Zeit wie Speyer von den Franzosen zerstört worden war, ferner vorbei an Weil der Stadt, dem Geburtsort von Johannes Kepler und nicht zuletzt an Calw, einem schmucken Schwarzwaldstädtchen, dem Geburtsort von Hermann Hesse, ging es nach Ulm.

Von hier aus fuhren auf ihrem Weg nach Russland die ersten Auswanderer auf Zillen, später „Ulmer Schachteln“ genannt, die Donau hinunter. Ein Besuch des naturgetreuen Modells einer solchen „Ulmer Schachtel“ am Ufer der Donau, selbstverständlich mit Fotoaufstellung aller Teilnehmer, war der Schlusspunkt des umfangreichen Programms dieser Reise.

Auf der letzten Etappe in Richtung Nürnberg veranstaltete Lilli Uhlmann das schon Tradition gewordene Quiz mit Fragen, die das Reiseprogramm und auch russlanddeutsche Geschichte betrafen. Es gab drei Preise, jeweils ein Buch aus dem Buchprogramm des „Historischen Forschungsvereins der Deutschen aus Russland e. V.“ mit dem Titel: „Die Deutschen Kolonien in Südrussland“ von Konrad Keller gestiftet vom Haus der Heimat, Nürnberg.

Alle Teilnehmer waren voll des Lobes über die Vorbereitung, Organisation und die reibungslose, immer im Zeitplan liegende Durchführung dieses unvergesslichen Ausfluges, für die Reinhard Uhlmann und seine Frau Lilli in bewährter Weise wieder einmal sorgten.

Gerhard Walter
Historischer Forschungsverein der Dt. aus Russland e. V.